Die Feline infektiöse Peritonitis (FIP) ist diagnostisch nicht einfach, verläuft
meist tödlich, ihre Biologie ist ungeklärt und ihre Verhütung schwierig - das
alles macht sie zu einer veterinärmedizinisch wichtigen Erkrankung. Sie ist auch
eine rätselhafte Erkrankung: Eine sporadisch auftretende Virusinfektion ist eine
contradictio in adjecto, ein Paradoxon. Die feline coronavirale Polyserositis, wie
wir sie nennen können, ist nämlich die relativ seltene, fatale Folge einer
ubiquitären Infektion mit ubiquitären Coronaviren. Die meisten sind harmlos und an
die Vermehrung im Darm angepasst. "Feline enterale Coronaviren" (FeCV) werden sie
genannt, um sie von den tödlichen FIP-Viren zu unterscheiden, die sich im
Makrophagen zu hohen Konzentrationen vermehren. Persistierend infizierte, gesunde
Katzen, die in ihrem Darm FeCV beherbergen und sie im Kot, Speichel und vielleicht
mit anderen Körperflüssigkeiten ausscheiden, spielen in der Epidemiologie die
Hauptrolle. Der Begriff FIP-Virus (FIPV) wird weiter verwendet, um FeCV-Isolate
und Stämme zu bezeichnen, bei denen Mutationen zu einer Virulenzsteigerung geführt
haben. Über die Zulässigkeit einer solchen Nomenklatur lässt sich streiten, man
benennt ja auch einen Impfstamm (der naturgemäß keine Erkrankung verursacht) nicht
anders als seinen virulenten Verwandten, gegen den er schützen soll.
Coronaviren verursachen meist akute enterale und respiratorische Infektionen, die
nach einer Immunant-wort des Wirts zu steriler Immunität führen - sie können aber
auch persistieren. Bei natürlichen Corona-virusinfektionen gibt es nur wenige
Untersuchungen zur Viruspersistenz, und die FIP ist das prominenteste Beispiel. In
fast allen Katzenhaltungen und -zuchten in Westeuropa und Amerika kommen FeCV vor,
wo sie bei Welpen gutartige Darminfektionen verursachen (Übersichtsartikel siehe
de Groot und Horzinek, 1995). Gutartige FeCV-Stämme und FIP-auslösende Coronaviren
sind genetisch so nahe verwandt, dass man sie nur mit aufwändigen
molekularbiologischen Methoden unterscheiden kann (Herrewegh et al., 1995). Die
letzteren sind Virulenzvarianten der ersten und sie entstehen im einzelnen
FeCV-infizierten Wirtsorganismus (Vennema et al., 1995; Poland et al., 1996).
Anders ausgedrückt: Keine zwei FIP-Fälle werden von demselben Virus verursacht,
die Mutation kann an verschiedenen Stellen bestimmter Gene aufgetreten sein. Das
bedeutet aber auch, dass die horizontale Übertragung, d.h. die Infektionskette von
Katze zu Katze, eher eine Ausnahme als die Regel ist.
Für die außerordentliche genetische Flexibilität von Coronaviren gibt es außer
diesen Virulenzunterschieden noch weitere Indizien. Auf Grund von
In-vitro-Neutralisationstests hat man die FeCVs zwei Serotypen zugeordnet: Der
Typ I kommt in Europa und den USA vor, er wird bei uns in den meisten
FIP-Fällen angetroffen. Man weiß virologisch wenig über ihn, weil er sich nicht
ohne weiteres in der Zellkultur vermehren lässt. Dagegen lässt sich der Typ II
gut isolieren und vermehren - und er ist z.B. in Japan häufig. Dieser Typ ist
ein Paradebeispiel viraler Evolution: Typ II-Viren entstehen immer durch
RNA-Rekombinationen zwischen Coronaviren des Hundes, deren Information teilweise
in FeCV-Typ-I-Genomen einkopiert worden ist (Herrewegh et al., 1995; Vennema et
al., 1995).
Wir wissen aus epidemiologischen Untersuchungen, dass auch Coronaviren der Katze
persistierende Infektionen verursachen können, dass es einen Trägerstatus gibt
und dass viele Infektionen nicht oder erst nach längerer Zeit vom Immunsystem der
Katze beherrscht werden. Es ist gleichfalls bekannt, dass gesunde seropositive
Katzen bei Kontakttieren innerhalb von 2-10 Wochen zu einer Serokonversion führen
können. Die Infektion wird wahrscheinlich auf fäkal-oralem Weg übertragen und
einige der Kontakttiere werden endlich der FIP erliegen (Addie und Jarrett, 1992).
Der erste eindeutige Nachweis der Coronaviruspersistenz wurde durch ein Experiment
erbracht, in dem Katzen mit subletalen Mengen des FIPV infiziert und danach in
Quarantäne gehalten worden waren. Als man diese Katzen - denen man nichts ansah
- mit dem immunsuppressiven felinen Leukosevirus infizierte, erkrankten sie an
FIP. Aus diesen Arbeiten erhellt sich eine Persistenz des FIPV von mindestens vier
Monaten (Pedersen, 1987). Zum experimentellen Beweis der Viruspersistenz des FIPV
haben wir zwei Katzen hermetisch isoliert und alle 2-4 Tage mit der PCR überprüft;
bei einer von ihnen ließ sich die Ausscheidung sieben Monate lang verfolgen. Das
andere Tier wurde nach 124 Tagen fortwährender Virusausscheidung getötet, um den
Ort der Virusvermehrung im Organismus zu finden. Virales Genom wurde in fast allen
untersuchten Geweben angetroffen, aber RNA (Botschafter-RNA, die ausschließlich in
virusvermehrenden Zellen synthetisiert wird) nur im Ileum, Kolon und Rektum; in
diesen Darmteilen trafen wir auf virushaltige Einzelzellen, nicht auf größere
Teile infizierten Gewebes. Die immunhistochemischen Befunde belegen erstmals die
chronische Infektion durch FeCV. Offenbar vermehrt sich das Virus "auf kleiner
Flamme" in einigen wenigen Darmzellen, die der immunologischen Überwachung entgehen
(Herrewegh et al., 1997).
Die genetischen Veränderungen, die Evolution von Coronaviren während chronischer
Infektionen untersuchten wir an Viren, die aus Einzelkatzen im Laufe mehrerer
Monate isoliert worden waren. Phylogenetische Frequenzvergleiche (mit europäischen
und amerikanischen Isolaten) zeigten eindeutig, dass Viren in einer Katzenzucht
einen nahverwandten "Clan" bilden und daher von einer einmaligen "Gründer"-Infektion
ausgegangen sein müssen. Jede Katze beherbergt eine andere "Wolke" von
FeCV-Mutanten, die sich durch Immunselektion (Antigendrift) während einer
chronischen Infektion weiter verändert. Unsere Ergebnisse stützen die folgende
epidemiologische Hypothese: In Katzengruppen wird eine endemische Infektion durch
chronische Coronavirusträger unterhalten. In solchen Zuchten wird fast jeder
Katzenwelpe infiziert, wahrscheinlich erhält er das Virus von der Mutter (Addie
und Jarrett, 1990), sobald der maternale Antikörperschutz geschwunden ist. Einmal
infiziert (und dadurch immunisiert), widersteht der Welpe einer Superinfektion
durch nahverwandte Viren; jede Katze beherbergt somit ihren eigenen, "privaten",
harmlosen Clan von Varianten. Es gelang britischen Forschern, Coronaviren aus dem
Blut gesunder Katzen von seropositiven Zuchten in der Zellkultur zu isolieren. Sie
untersuchten Blutproben von gesunden Katzen aus verschiedenen Zuchten und wiesen
in den meisten Fällen das FeCV mit der PCR nach - übrigens auch bei seronegativen
Tieren. Wiederum war die Schlussfolgerung zwingend: Die meisten gesunden Katzen in
Zuchten mit einer FIP-Anamnese sind persistent mit FeCVs infiziert. Alle Viren
gehören dem "nicht züchtbaren" Subtyp I an (der FIP-Impfstoff ist übrigens
vom Subtyp II abgeleitet).
Was führt nun eigentlich von der Infektion zur Erkrankung, vom chronischen
FeCV-Trägerstadium zur FIP? Das Schlüsselereignis bei der FIP ist die Infektion
von Monozyten und Makrophagen. Wir dachten anfänglich, avirulente FeCV-Stämme
blieben auf den Darmkanal beschränkt, während virulente Stämme sich mit Hilfe von
Blutmonozyten zu anderen Organen hintransportieren ließen. Wir können diese
Hypothese angesichts der PCR-Ergebnisse bei gesunden Katzen nicht mehr aufrecht
erhalten - der Unterschied wird wohl eher quantitativ als qualitativ sein. In vitro
korrelierte die Virulenz von FeCV-Stämmen tatsächlich mit ihrer Fähigkeit,
Peritoneal-makrophagen zu infizieren. Verglich man die Stämme, so infizierten
avirulente Stämme weniger Makrophagen und erreichten niedrigere Viruskonzentrationen
als virulente. Außerdem war bei den ersten die Vermehrung kürzer und die
Ausbreitung beschränkter als bei den letzteren. Dies ist keine
Schwarz-weiß-Erscheinung, eher ein allmählicher Übergang, wie ja auch der Verlauf
der FIP nicht einförmig ist. An FIP erkrankte Katzen zeigen eine Lymphopenie und
sind immun supprimiert.
Das tödliche FIP-Szenario könnte wie folgt aussehen: Ein Welpe wird von einer
seropositiven Katzenmutter gesäugt und bleibt durch kolostrale Antikörper während
der ersten Lebenswochen geschützt. In dem Maße, wie die Antikörperkonzentration
abnimmt, verringert sich auch der Schutz auf den Schleimhautoberflächen des Darmes,
und während einer Episode der mütterlichen FeCV-Ausscheidung wird das Kätzchen
infiziert. Durchfall ist der einzige Hinweis, dass dies stattgefunden hat. Der
Welpe entwickelt nun seine eigene Immunität, die in den meisten Fällen das Virus
jedoch nicht eliminiert: Virus und Antikörper werden im Organismus koexistieren
und eine wirksame zelluläre Immunität hält die infizierten Makrophagen und
Monozyten in Schach. In einer kleinen, sozial stabilen Katzengesellschaft kann
ein solches Tier lange und gesund weiter leben.
Zu Problemen kommt es bei einer Störung dieses Gleichgewichts, bei
Immunsuppression, die wir hier der Einfachheit halber auf eine Stress-Situation
zurückführen wollen. Infektionen mit dem FeLV oder FIV wären solche
immunsuppressiven Ereignisse. Wegen der abnehmenden Prävalenz von
Retrovirusinfektionen in Zuchten werden aber Managementfehler immer
wichtiger; Zunahme der lokalen Populationsdichte (Anzahl der Katzen pro
Quadratmeter), geografische Veränderungen (Umzug in eine neue Umgebung) und
andere territoriale Faktoren (z.B. Änderung in der Hierarchie der Gruppe,
Dominanzkämpfe). Das geschwächte Immunsystem führt dazu, dass die Anzahl der
Coronavirusmutanten zunimmt, weil plötzlich sehr viel mehr Viren im Organismus
zirkulieren und während dieses stochastischen Vorgangs auch mehr makrophagentrope
Viren auftauchen. Unter diesen befinden sich solche, die hohe Titer erreichen und
die gemäßigten Mutanten überwuchern. An diesem Punkt beginnt die
Immunpathogenese.
Die klinische Diagnose der FIP wurde in Lehrbüchern und Zeitschriftenartikeln
behandelt und soll hier nicht erörtert werden. Im Laboratorium von Prof. Hans
Lutz (Zürich) wurde ein diagnostischer Algorrhythmus entwickelt, der noch immer
den besten Leitfaden darstellt (Rohrer et al., 1993). Obwohl in dem
Entscheidungsraum Titerwerte enthalten sind, spielen sie eine untergeordnete
Rolle. Ein negativ serologisches Resultat würde schließlich nicht dazu führen,
dass man eine auf klinischen Beobachtungen und Blutwerten gegründete Diagnose
über Bord wirft. Die Serologie ist auch für eine Prognose am Einzeltier wertlos.
Es gibt zwar einen Zusammenhang zwischen Antikörpertiter und der
Post-mortem-Bestätigung einer FIP, der prognostische Unterschied zwischen Titern
von <100 und >1000 ist jedoch ziemlich wertlos. Etwa die Hälfte der
untersuchten Tiere, die gesund blieben, zeigten dieselben hohen Titerwerte wie
die gefährdeten Katzen. Die Serologie unterscheidet eben nicht zwischen harmlosen
und FIP-verursachenden Mutanten des FeCV, sie zeigen nur eine irgendwann einmal
stattgefundene (und in vielen Fällen noch vorhandene) Infektion. Prinzipiell kann
jede seropositive Katze an FIP sterben, gleichgültig welchen Titer man misst. Es
ist andererseits verständlich, warum bei FIP-Katzen meist höhere Titer gemessen
werden: Die explosive Virusvermehrung nach Immunsuppressionen bringt eben viel
mehr antigene Masse im Organismus hervor und mehr Antigene bedeutet mehr
Antikörper. Andererseits bedeutet eine explosive Vermehrung nicht zwangsläufig,
dass in der großen Viruspopulation tatsächlich virulente, FIP-hervorrufende
Mutanten vorliegen, und hohe Antikörpertiter können auch entstehen, wenn diese
fehlen.
Eine nicht infizierte Katze jedoch (und das ist nicht gleichbedeutend mit einer
sero-negativen Katze) wird keine FIP kriegen. Der Tierarzt muss sich die Frage
stellen, ob es für die FIP-Serologie in der Diagnose und Prognose der FIP überhaupt
eine Rechtfertigung gibt. Es gibt keinen Test - weder für die Praxis noch im
Forschungslabor - der zwischen virulenten FIPV- und avirulenten FeCV-Varianten zu
unterscheiden vermag. Auch die von manchen Firmen angepriesenen neuen PCR-Tests
halten diese Versprechen nicht, wie immer sie es auch formulieren mögen. Ich glaube
nicht, dass es möglich sein wird, die molekularen Unterschiede zwischen harmlosen
und virulenten Coronaviren in ein Testformat zu fassen. Ich sehe jedoch eine
Zukunft für Tests, die immunologische Entgleisungen in Tieren nachweisen, die auf
dem Wege zu FIP sind. Sowohl die Serologie als auch die Polymerase-Kettenreaktion
kann (mit unterschiedlicher Empfindlichkeit) infizierte Katzen anzeigen und die
Testverfahren sind für das Beherrschen der Infektion in Katzenzuchten und
-haltungen unerlässlich. Man kann sie auch zur Überwachung von Quarantäne- und
Frühabsatzprogrammen einsetzen, zur Kontrolle eines spezifisch-pathogenfreien
(SPF) Status, des coronavirusfreien Status von Katzenzuchten. Vor allem die PCR
eignet sich zur Testung von Einzeltieren, bevor diese in antikörperfreie
Katzenkollektive eingebracht werden.
Die FIP lässt sich beherrschen und ein viel versprechender Ansatz dazu wurde von
Addie und Jarrett (1990) entwickelt. Dass er wenig Anhänger gefunden hat, liegt
u. a. am Arbeitsaufwand. Die Prozedur erfordert eine ständige und disziplinierte
Mitarbeit des Züchters und hat keinen tierärztlichen "Chic". Mit Hilfe eines
Quarantäneprogrammes (in diesem Fall Frühabsetzen der Welpen, Handaufzucht getrennt
von den Müttern) erstellte seronegative Zuchten müssen selbstverständlich gegen
eine Neueinschleppung des Coronavirus geschützt werden und die verfügbare Vakzine
könnte sich für diesen Zweck als geeignet erweisen. Voraussetzung wäre jedoch, dass
der Impfstoff keine Antikörper indiziert und so ein serologisch unterbautes
Quarantäneprogramm entwertet.
Wie jeder Genetiker weiß, sind Mutanten oft leck (leaky), was bedeutet, dass es
immer wieder Revertanten gibt. Tatsächlich führt der Impfstoff auch bei sachkundigem
Einsatz in Einzelfällen zur Serokonversion. Das ist aber nicht akzeptabel, wenn man
die Serologie als einziges Maß für den Nachweis einer Feldinfektion einsetzt.
Dennoch bin ich der Auffassung, die Impfung in vorgängig virusfrei gemachten
Kollektiven könnte der Weg dazu sein, die FIP in Katzenzuchten in den Griff zu
bekommen - übrigens nur dann, wenn das Impfvirus nicht selbst persistiert (was
noch zu beweisen wäre).
Ein weiterer Ansatz wäre die Eliminierung von Dauerausscheidern aus
Mehrkatzenhaushalten und Großzuchten. Man kann dieses nun mit Hilfe der
TaqMan-Technik erkennen, einer quantitativen PCR: Nicht mehr als vier Kotproben,
wöchentlich entnommen, sind erforderlich, um Ausscheider großer Virusmengen zu
identifizieren, wie Hans Lutz (Zürich) gezeigt hat.
Die unter Feldbedingungen erstellte Diagnose erlaubt die Aussonderung dieser
"Virusmutterschiffe" aus der Gruppe, wodurch der Infektionsdruck vermindert
wird. Ob diese Methode etwas bringt, bliebe noch nachzuweisen. Sie ist jedenfalls
eine weitere Waffe in dem Arsenal des Kampfes gegen die FIP. Es war einfach,
Katzenhaltungen vom Leukämie- und Immunschwächvirus frei zu bekommen, denn die
verfügbaren Tests sind hochempfindlich und -spezifisch und die Infektionsprävalenz
in der Katzenwelt war niedrig. Beides trifft für die Coronavirusinfektion nicht zu.
Dennoch ist die Beherrschung der FIP durch Erreichen eines SPF-Status für
Coronavirus möglich. Schließlich haben Europäer auch einen SPF-Status bezüglich
Cholera, Pest und Ruhr - und das haben nicht Impfungen bewirkt, sondern
ausschließlich Hygiene- und Quarantänemaßnahmen.
Von Prof. Marian Horzinek, Universität Utrecht, Faculteit der Diergeneeskunde, Niederlande
Entnommen aus: "Katzen-Tatzen" 1/04